Mystery im Münsterland: Das Gutshaus im Nebel
Der Titel „Das Gutshaus im Nebel“ erinnert vielleicht an Fernsehserien wie „Forsthaus Falkenau“ oder „Das Schloß am Wörthersee“. Doch keine Sorge: Der Roman verzichtet auf seichte TV-Romantik und folgt ganz anderen Vorbildern. Er leuchtet das Dunkle unter der Oberfläche aus. So entsteht ein Münsterland-Gothic über Identität und Unheimliches– sprachstark und sorgfältig recherchiert.
Wer das Buch aufschlägt, sollte wissen: Katja Angenent erzählt ruhig und und nimmt sich Zeit ihre Geschichte zu entwickeln, um das Setting auszumalen. Ihr 400 Seiten starker Roman spielt 1882 in Münster und im Münsterland – genau hundert Jahre vor der Geburt der Autorin. Damals kannte man das Wort Emanzipation kaum. Das prägt auch die Ausgangslage der Protagonistin: Charlotte Jäger, eine junge, clevere, aber mittellose Erzieherin. Gerade dieser Umstand führt sie in das knarzige Gutshaus in Münster-Mauritz, wo sie einen adeligen Sprössling betreuen soll, mit dem etwas nicht stimmt. Das Haus wirkt unheimlich, ein seltsames Ensemblebewohnt es. Ein Teil ist renoviert, der andere verfällt. Die nach Freiheit strebende Charlotte passt hier kaum hinein. Sie glaubt, sich auf den Bildern im Haus selbst zu erkennen. Merkwürdige Vorkommnisse häufen sich, und Charlotte, sonst bodenständig, zweifelt an ihrem Verstand.
Katja Angenent schildert die historische Situation so anschaulich, dass der Text zum Kopfkino wird. Man meint, nebenihr im Zug von Hamm nach Münster zu sitzen – damals noch ein echtes Abenteuer. Frauen die alleine Kutschfahrten unternahmen - genauso ungewöhnlich. Fabelhaft beschreibt sie das Interieur des Gutshauses: Kronleuchter, Stuck, Besteck. Sie versteht es Figuren entstehen zu lassen, die einen nicht so schnell loslassen. .
Die Welt in der Charlotte lebt ist eine Klassengesellschaft. Aus der kann man selbst durch Heirat nur schwer aausbrechen, denn es musste standesgemäß geheiratet werden. So verspricht Charlottes Begegnung mit einem gut aussehenden, noblen Mann mit den„blauesten Augen, die sie jemals gesehen hatte“ mehr als sie sollte. Der Herr ist gekleidet, gepflegt, ihr offensichtlich zugetan – und er kommt ihr schnell zu nah. Er gibt ihr den klaren Rat: „Verschwinde“ – verlasse dieses Haus. Eine Begründung bleibt aus. Da ist es um Charlotte schon geschehen. Im Buch finden sich Sätze wie: „Mein Herz benahm sich wie ein junges Pferd, das nach einem langen Winter im Stall zum ersten Mal wieder auf die Weide durfte. “ Solche Formulierungen allein lohnen einen Besuch in Angenents Schreibwerkstatt (www. katjaschreibt. de).
Mehr wollen wir nicht verraten über diesen Roman, den der Emons Verlag dankenswerterweise veröffentlicht hat und als „historischen Mystery-Roman voller dunkler Andeutungen, psychologischer Spannung und gefährlicherFamiliengeheimnisse“ ankündigt.
Im Nachwort berichtet Angenent, dass sie nach der Lektüre einer Sherlock-Holmes-Geschichte auf die Idee kam, die Geschichte dieser „starken jungen Frau“ aufzuschreiben. Spannend liest sich, wie sie ihre Schreibarbeit zwischen vielen anderen Aufgaben organisiert und vollendet hat, wie Schriftstellernnen heute Netzwerken.
Erst auf der letzten Seite der Danksagung verrät die ambitionierte Autorin, wie hoch sie die eigene Messlatte für den Erfolg des Buches gelegt hat. Sie will nicht nur – wie wir schon vermuten – ein minutiös recherchiertes, gut geschriebenes Geschichtswerk vorlegen, sondern mehr: „diese Geschichte soll Leute von heute unterhalten“. Wer sich mit Unterhaltung beschäftigt, weiß: Einen höheren Anspruch gibt es nicht.
Ein Leseeindruck von Frank Biermann
https://emons-verlag.de/p/das-gutshaus-im-nebel-7766
Bild: Katja Angenent, lebt als Journalistin, Autorin und Dozentin für kreatives Schreiben in Münster. Foto: Frank Biermann