„Ein ungewöhnlicher Schritt“
Ex-AfD-Ratsherr Hans-Jürgen Scholte wechselt zur FDP und verschafft den Liberalen einen Fraktionsstatus
Als FDP-Kreisvorsitzender und Geschäftsführer Max Kamler zur Pressekonferenz unter dem Titel „Die Neuausrichtung der FDP“ lud, war ihm klar: In der Geschäftsstelle an der Rothenburg stand nichts Alltägliches an. Da saß die bisher zweiköpfige Ratsgruppe der FDP – Jörg Berens und Claudia Grönefeld – zusammen mit dem Ex-AfD-Ratsherrn Hans-Jürgen Scholte. Auf dem Display prangte es unübersehbar: eine neue, dreiköpfige FDP-Fraktion. Der Fraktionsstatus verschafft den Freien Demokraten mehr Rechte im Rat – und deutlich mehr Geld in der Parteikasse. Von etwa 50.000 Euro ist die Rede. Doch Fraktionssprecher Berens hält nichts davon, jetzt „das Geldthema“ nach vorne zu schieben: „Darum geht es nun wirklich nicht“, sagt er.
Scholte wird empfangen wie ein Heimkehrer, der nach 16 Jahren in der FDP nur für wenige Monate – genau gesagt von Januar 2025 bis November 2025 – Probleme mit seinem politischen Kompass hatte. Enttäuscht von der Ampelregierung in Berlin, trat er aus der FDP in Telgte aus und zur AfD in Münster ein – offenbar ein Sammelbecken für viele Unzufriedene aus fast allen Parteien. Scholte landete als eine Art liberales Feigenblatt auf Listenplatz 3, auf den Wahlplakaten der AfD und schließlich im neugewählten Rat. Schon nach der ersten Sitzung kam es zum Bruch mit den AfD-Ratsherren Holger Lucius und Helmut Birke. „Aus politischen und persönlichen Gründen“ sei er aus der AfD ausgetreten und habe als Parteiloser weitergemacht. Sein Ratsmandat niederzulegen und an die AfD zurückzugeben, hätte seinem Ziel widersprochen, sich weiter politisch einzubringen. Nun müsse die AfD eben ohne Fraktionsstatus leben. „Es war eine surreale Zeit, niemand sprach mit mir. “ Welche strittigen Punkte zum Bruch führten, bleibt offen. Wenn Birke aus vertraulichen Gesprächen berichten wolle, die unter vier, sechs und acht Augen geführt wurden, sei das dessen Sache. „Ich werde Herrn Birke nicht an den Pranger stellen“, sagt der 69-jährige Rentner mit Geschäftsführer-Vergangenheit, der inzwischen in Gievenbeck wohnt. Weil ihm klar geworden sei, dass er als Einzelkämpfer nichts ausrichten könne, habe er noch Ende 2025 Kontakt zur Ratsgruppe der FDP aufgenommen. „Da war ich anfangs doch etwas verwundert, als er bei mir an die Tür geklopft hat“, berichtet Ratsfrau Claudia Grönefeld. Nach längeren Gesprächen habe man überlegt, Scholte eine zweite Chance einzuräumen, und mit ihm ab Juni eine Art Hospitanz als Bewährungszeit vereinbart. Die anderen demokratischen Parteien im Rat seien über dieses Verfahren informiert gewesen und hätten diese Information vertraulich behandelt. „Sein klares Eingeständnis, dass seine frühere, ohnehin nur kurze Mitgliedschaft in der AfD ein Fehler war, verbunden mit der eindeutigen Distanzierung von deren Politik, hat dazu geführt, dass wir gegenseitiges Vertrauen aufgebaut haben. “
Die FDP rücke dadurch mitnichten nach rechts und gebe deshalb ihre Ideale nicht auf, betonte Berens in der Pressekonferenz. „Die AfD steht für das Gegenteil von dem, wofür wir stehen. Wir stehen für Freiheit, Individualität, Eigenverantwortung und gesellschaftliche Vielfalt. Wir sind in der Mitte – und da bleiben wir auch. “ Gleichwohl sehe man der nächsten Ratssitzung am Mittwoch mit einer gewissen Spannung entgegen, wenn sich die FDP erstmals wieder als Fraktion präsentiere. „Wir wissen um die Sensibilität des Vorgangs“, sagt Fraktionssprecher Berens.
Bild: Die FDP-Ratsfrau Claudia Grönefeld, Fraktionssprecher Jörg Berens und das neue Mitglied der FDP-Fraktion, Hans-Jürgen Scholte, der sein Ratsticket über die AfD gezogen hat. Foto: Frank Biermann