Münster: Streit um Nichtverlängerungen eskaliert
Moss: „Nichtverlängerung gängige Praxis“ - GBDA wirft dem Intendanten „Kleinrechnen von Zahlen“ vor
Die personelle Veränderungen am Theater Münster zur Spielzeit 2027/28 sorgen weiter für Diskussionsstoff. Jetzt hat Neil Barry Moss mit einer Pressemitteilung in die öffentliche Debatte eingegriffen.
Am Theater Münster sind die internen Vorbereitungen der Spielzeit 2027/28 angelaufen., heißt es in der Mitteilung.
Die Entwicklung und Umsetzung eines neuen künstlerischen Konzepts wird eine große gemeinsame Aufgabe für den designierten Generalintendanten Neil Barry Moss und das künstlerische Team des Hauses sein. „Mit einem neuen künstlerischen Konzept und mit Neubesetzungen verbunden ist unser Anspruch, immer wieder frische Perspektiven, künstlerische Handschriften und Impulse ins Theater zu bringen, die das Programm für unsere Besucherinnen und Besucher bereichern“, so Moss weiter. „Dieser bewusste und gewollte Wandel bringt zugleich Veränderungen in der Zusammensetzung der Belegschaft mit sich: 33 Verträge aus dem künstlerischen Team werden nicht verlängert. Damit wird ein Drittel der rechtlich möglichen Nichtverlängerungen umgesetzt – 8 % der 394-köpfigen Gesamtbelegschaft.“
„Aus eigener Erfahrung als Künstler weiß ich, wie sehr solche Veränderungen persönlich und beruflich bewegen und wie tief Nichtverlängerungen in das Leben der betroffenen Künstler*innen eingreifen können“, so der designierte Generalintendant. Die im NV Bühne vorgesehene Möglichkeit der Nichtverlängerung gehört zur gängigen Vertragspraxis im Theaterbetrieb und wurde aktuell auch am Theater Münster genutzt. Während heute, am 20.10.2026, die personellen Veränderungen am Theater Münster kommuniziert wurden, schwelt gleichzeitig ein Konflikt zwischen der Bühnengewerkschaft GDBA und dem Deutschen Bühnenverein um die grundlegende Reform dieses Nichtverlängerungssystems. Der Konflikt beschäftigt die gesamte Theaterlandschaft und wird derzeit zwischen den Parteien verhandelt. Dazu sagt der designierte Generalintendant Moss: „Wir alle blicken gespannt auf die laufenden Gespräche und die Positionen der Tarifparteien zu einer grundlegenden Reform des Nichtverlängerungssystems. Entscheidend wird sein, welche Ergebnisse sich daraus für uns alle und unsere zukünftige Arbeit ergeben werden. Unserer Einschätzung nach ist aktuell allerdings noch nicht absehbar, ob und wann zwischen den beteiligten Interessengruppen Konsens erzielt werden kann.“
Die bestehenden Engagements der betroffenen Künstler*innen reichen bis zum Ende der Spielzeit 2026/27.
Die Mitarbeitenden werden die aktuelle Spielzeit weiterhin gemeinsam mit der amtierenden künstlerischen Leitung prägen. Umso wichtiger sind Herrn Moss die persönlichen Gespräche. „Ich möchte ihnen zuhören, Fragen Raum geben und mit ihnen im persönlichen Austausch bleiben. Auch bei kontroversen Standpunkten wollen wir respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen,“ so Moss. „Die Freiheit, unterschiedliche Meinungen zu vertreten und offen auszusprechen, ist ein wesentlicher Bestandteil dessen, was unsere Gesellschaft ausmacht. Diese Freiheit ist unverzichtbar.“, betont der designierte Generalintendant.
Die Pressemitteilung des designierten Intendanten hat umgehend Widerspruch provoziert bei Christian Bo Salle, Vorsitzender des Lokalverbandes GDBA Münster. Er schreibt: �
Dienstag erhielten die Mitarbeiter des Theater Münster wie auch die Presse eine Stellungnahme von Neil Barry Moss zu den Nichtverlängerungsvorgängen am Theater.
Wir möchten dazu feststellen, daß es unsinnig ist 33 nichtverlängerte NV Bühne-Beschäftigte ins Verhältnis zu 394 Gesamtbeschäftigte zu setzen - und damit die Summe auf 8% kleinzurechnen: Diese anderen Beschäftigten haben eine Vielzahl anderer Tarifverträge, mit meist besseren Kündigungsrechten. Hier
werden also alle Vertragsarten in einen Topf geworfen.
Daher ist nur die Zahl, Zitat „33 Verträge (…, d.h.) ein Drittel der rechtlich möglichen Nichtverlängerungen“ relevant, also 33 von etwa 100 Mitarbeitern mit NV Bühne Verträgen am Haus.
Das sieht auf den ersten Blick erstmal nicht nach „Kahlschlag“ aus, wie wir in unserer Streikrede am 11. Oktober gegen 18 Uhr vor der „Schwäne“ Vorstellung warnten. Allerdings wird der NV Bühne Vertrag auch in bühnenferneren Abteilungen wie Maske, Schneiderei und vereinzelt in der Tonabteilung angewandt.
Handwerkliche Berufe also, in denen man in der aktuellen Lage nur schwer neue Mitarbeiter bekommt, seit Monaten bleiben hier Stellen unbesetzt. Hier keine Nichtverlängerungen auszusprechen ist daher kein gnadenvoller Akt, sondern schlicht eine Notwendigkeit, um der Substanz des Hauses nicht zu schaden.
Relevanter ist daher folgende Eigenberechnung unseres GDBA Lokalverbandes: Nach jetzigem Stand sind 25 von 37 BühnenkünstlerInnen weiterhin von Nichtverlängerung bedroht - das sind knapp 68% der Ensembles aus Oper, Kindertheater, Schauspiel und Tanz! Die restlichen 8 der 33 erwähnten Nichtverlängerungen kommen aus Dramaturgie, Theatervermittlung und bühnennahen Abteilungen mit NV Bühne Vertrag.
Wir von der GDBA Münster vermuten, daß das Kleinrechnen von Zahlen vor allem verschleiern soll, daß hier sehr wohl Möglichkeiten der Nichtverlängerungen nahezu maximal ausgenutzt werden - Zwei Drittel der Ensembles!
Da der Prozess aber erst bis Ende Oktober endgültig abgeschlossen sein wird, bleiben diese Zahlen immer
noch vorläufig. Gerade dieser seit drei Wochen andauernde Schwebezustand und Bloßstellungen bei Übergabe der brieflichen Nichtverlängerungsandrohungen auf Fluren und Gängen, verbunden mit wenigen oder keinen Vorgesprächen ist einfach würdelos, und macht es den Betroffenen unmöglich sich dazu zu
stellen.
Den respektvollen Umgang und die Neugierde, die Herr Moss in seiner PM im Verfahren anmahnt, vermisst die GDBA vor allem in seinem Verfahren, in dem die betroffenen Künstler teilweise erstmalig beim Nichtverlängerungsgespräch (also unter akuter Androhung einer möglichen Kündigung) gehört werden, und
erstmalig sich erklären können. Ist das wertschätzend?
Ein Künstleraustausch wie am Theater Münster, ist bei Intendanzwechsel in ganz Deutschland immer noch üblich. Man bekommt es nur meist nicht mit.Wir brauchen (wie in unserer Streikrede angemahnt) dringend tarifliche Leitplanken im
Nichtverlängerungsverfahren, die künstlerische Freiheit und Flexibilität zwar zulassen, aber den KünstlerInnen auch Verlässlichkeiten bieten, vorher Gehör zu finden, soziale Hintergründe zu kommunizieren und ausreichend gesehen zu werden.
Wir wundern uns, so Bo Chrsstian Salle, von der GBDA daß bisher weder von der Stadt, von Oberbürgermeister Fuchs oder der Seite des designierten Intendanten Einladungen ausgesprochen wurden, wie man diese Prozesse (unabhängig von ebenfalls weitergehenden tariflichen Verhandlungen) besser gestalten könnte. Es findet bisher kein Dialog statt.
Vor allem die Stadt, Theaterfreunde und Menschen, die sich fürs Theater interessieren, sollten wissen, daß nicht sofort die künstlerische Freiheit bedroht ist, wenn in einem rechtsarmen Vertragsraum erste inhaltliche Regeln etabliert werden und aus möglicher Willkür endlich Nachvollziehbarkeit wird.
Bis dahin den Umgang mit diesen Vertragsleerstellen sinnvoll zu gestalten ist Aufgabe aller Beteiligter.
Bild: Mit unverminderter Härte treffen am Theater die Meinungen des zukünftigen Intendanten und der Gewerkschaft aufeinander. Foto: Michael Lyra