15 Minuten Stillstand vor dem Schwanensee:
Der Streik stand nicht auf dem Programm
Mit einer Kundgebung auf der Bühne des Großen Hauses protestierten
Beschäftigte des Theaters Münster am Sonntag gegen einen drohenden
Kahlschlag wegen des Intendanzwechsels. Fast das gesamte Tanzensemble droht sein Engagement zu verlieren, heißt es in einer Pressemitteilung der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GBDA), die zum Streik aufgerufen hatte.
Weiter heißt es: Am Sonntag, dem 11. Oktober 2026, begann die
ausverkaufte Vorstellung von „Die Schwäne" im Großen Haus des Theaters
Münster mit 15 Minuten Verspätung. Die Beschäftigten streikten. Damit wurde in Deutschland zum ersten Mal eine Vorstellung für eine vorher festgelegte Zeit
bestreikt. Aufgerufen hatte die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA), die Gewerkschaft der Theaterschaffenden in Deutschland. Zu ihr gehören über 7.000 Künstler*innen und Beschäftigte, etwa aus Schauspiel, Gesang, Tanz, Ausstattung und Technik.
Auf der Bühne standen 25 Künstlerinnen in Warnwesten mit großen Transparenten auf welchen „Sicherheit“ und „Würde“ forderten, hinter der Bühne verfolgten viele weitere Beschäftigte die Kundgebung. Noch bevor Oberbürgermeister Tilman Fuchs das Publikum und den Rat der Stadt begrüßen konnte, hielten der GDBAObmann für Münster, Christian Bo Salle, und Nadja Simchen als Vertreterin des Tanztheaters gemeinsam eine bewegende Rede. Das Publikum dankte ihnen mit tosendem Applaus. Um 18:15 Uhr begann dann die letzte Vorstellung von „Die Schwäne".
Hintergrund des Streiks ist der bevorstehende Intendanzwechsel. Mit der Spielzeit 2027/28 übernimmt Neil Barry Moss die Generalintendanz des Theaters Münster.
Viele Mitarbeitende des Hauses bekommen deshalb gerade Einladungen zu
Anhörungen für eine beabsichtigte Nichtverlängerung. Im Musiktheater betrifft das 50 Prozent, im Schauspiel 58 Prozent des Ensembles. Im Jungen Theater sind 62 Prozent der gesamten Sparte und sogar 100 Prozent des Ensembles betroffen. Am härtesten trifft es den Tanz: Bis auf einen Tänzer ist das gesamte Tanzensemble von einer Nichtverlängerung bedroht.
Mit dem Streik wollte die GDBA auf eine Praxis aufmerksam machen, die an
deutschen Theatern üblich ist. Bei einem Intendanzwechsel verlieren regelmäßig viele Künstler*innen ihre Arbeit, unabhängig von ihrer Leistung und davon, wie lange sie schon am Haus sind.
Auch der Termin passte zum Inhalt. Gezeigt wurde zum letzten Mal Lillian Stillwells Neudeutung von Tschaikowskys „Schwanensee". Im Mittelpunkt dieser Choreografie steht die tanzende Gruppe, also genau das Ensemble, das nun voraussichtlich fast vollständig gehen muss. Oberbürgermeister Tilman Fuchs besuchte die Vorstellung und hatte dazu Mitarbeiterinnen der Stadtverwaltung und Mitglieder des Stadtrats eingeladen. Fuchs betonte, so heißt es in der GBDA-Mitteilung, in einem Kurzinterview nach der Veranstaltung, dass in Münster eine bundesweite Praxis umgesetzt würde, welche bundesweit gelöst werden müsse.
Bild: Außergewöhnliches passiert: Theaterschaffende angestellt am Theater Münster haben für 15 Minuten eine ausverkaufte Tanzvorstellung im Beisein des Oberbürgermeisters Tilmann Fuchs und des Rates der Stadt bestreikt, um auf ihre Situation vor dem aktuellen Intendanzwechsel hinzuweisen. Ein Kahlschlag droht. Foto: GBDA